Sr. Hedwig (Silja Walter) ist 1919 geboren. Sie ist die Tochter des Verlegers Otto Walter und die Schwester des Schriftstellers Otto F. Walter. 1948 trat sie ins Fahr ein.

Ihre dichterische  Begabung steht im Dienst ihres gottgeweihten Lebens. So gibt ihr literarisches Werk Zeugnis für ihre gelebte Gottsuche. In zahlreichen Texten –  sei es Gedicht, Drama, Gebet – , bezeugt sie, dass das Leben im Kloster ein lebendiges Zeichen für das Leben des Christen überhaupt sein kann.
Am 23. April 2009 feiert Silja Walter ihren 90. Geburtstag. Zu diesem Anlass entstand eine eigene Website www.siljawalter.ch


Gebet des Klosters am Rand der Stadt

"Jemand muß zuhause sein,
Herr,
wenn du kommst.
Jemand muß dich erwarten,
unten am Fluß
vor der Stadt. 
Jemand muß nach dir
Ausschau halten,
Tag und Nacht.
Wer weiß denn,
wann du kommst? 

Herr,
jemand muß dich
kommen sehen
durch die Gitter
seines Hauses,
durch die Gitter – 
durch die Gitter deiner Worte,
deiner Werke,
durch die Gitter der Geschichte,
durch die Gitter des Geschehens
immer jetzt und heute
in der Welt. 

Jemand muß wachen,
unten an der Brücke,
um deine Ankunft zu melden,
Herr,
du kommst ja doch in der Nacht,
wie ein Dieb. 
Wachen ist unser Dienst.
Wachen.
Auch für die Welt.
Sie ist oft so leichtsinnig,
läuft draußen herum
und nachts ist sie auch nicht zuhause.
Denkt sie daran,
daß du kommst?
Daß du ihr Herr bist
und sicher kommst? 

Jemand muß es glauben,
zuhause sein um Mitternacht,
um dir das Tor zu öffnen
und dich einzulassen,
wo du immer kommst. 
Herr, durch meine Zellentüre
kommst du in die Welt
und durch mein Herz
zum Menschen.
Was glaubst du, täten wir sonst? 
Wir bleiben, weil wir glauben.
Zu glauben und zu bleiben
sind wir da, –
draußen,
am Rand der Stadt.

Herr,
und jemand muß dich aushalten,
dich ertragen,
ohne davonzulaufen.
Deine Abwesenheit aushalten
ohne an deinem Kommen
zu zweifeln.
Dein Schweigen aushalten
und trotzdem singen.
Dein Leiden, deinen Tod
mitaushalten
und daraus leben.
Das muß immer jemand tun
mit allen anderen
und für sie.

Und jemand muß singen,
Herr,
wenn du kommst!
Das ist unser Dienst:
Dich kommen sehen und singen.
Weil du Gott bist.
Weil du die großen Werke tust,
die keiner wirkt als du.
Und weil du herrlich bist
und wunderbar,
wie keiner. 

Komm, Herr!
Hinter unsern Mauern
unten am Fluß
wartet die Stadt
auf dich.

 

Amen.